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Über Secret Ballet

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Secret Ballet’ scheint auf ersten Blick die leicht leserliche Autobiografie einer konservativen Politikerin namens Jane Swallow zu sein. Das Buch schildert Janes unruhiges Privat- und Familienleben, ihre schöpferischen Ambitionen, ihre persönlichen Intrigen und Affairen und ihre von Katzenjammer begleiteten politschen Schmutzkampagnien.

Es handelt sich jedoch nicht um eine herkömmliche Autobiographie, auch nicht um einen Roman, der sich lediglich dieser Form bedient. ‘Secret Ballet’ wurde nicht verfasst, sondern aus dem Fundus von über 90.000 Beispielsätzen eines einsprachigen englischen Wörterbuches zusammengesetzt.

Der Auslöser der Arbeit war die Entdeckung, dass in den Beispielsätzen wieder und wieder bestimmte Eigennamen auftauchten, die auf eine gemeinsame Quelle zu deuten schienen. Daraus entstand der Arbeitsansatz einer Rekonstruktion eines ‘verlorenen’ Werkes, dessen Trümmer über das gesamte Wörterbuch verstreut lägen und das sich wie ein archäologisches Puzzle wieder zusammensetzen liesse.

Das Wörterbuch—das Collins COBUILD English Language Dictionary von 1987—hat eine besondere Stellung dadurch, dass es zur Illustration des Wortgebrauchs zum ersten Mal auf eine Datenbank wirklicher Sätze aus dem aktuellen Alltagsgebrauch zurückgriff. Die Quellen dieser ‘Bank of English’ sind zeitgenössische Romane, Zeitungsartikel, Nachrichten, Biographien, Handbücher, aber auch aufgenommene und transkribierte Alltagsgespräche.

Die Beispielsätze selbst sind keineswegs neutral. Viele haben eine deutlich politisch-emanzipatorische Färbung, was die Zeit ihrer Entstehung ebenso wie die Interessen der Wörterbuch-Autoren widerspiegeln mag. Da alle Lebensbereiche gleichermassen vorkommen, bildet der Text auf eine stochastische und materielle Weise die sechziger, siebziger und frühen achziger Jahre ab, aus denen die Beispielsätze überwiegend stammen.

Das Schreiben ging so vor sich. Das Wörterbuch wurde nach Sätzen durchgeblättert, die zu dem wachsenden Text passten und durch ihre Resonanz auf dem erinnerten Textganzen auf die Stelle verwiesen, an der sie sich problemlos einfügen liessen. Entstand keine Resonanz, wurde der Satz übersprungen. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde das Wörterbuch systematisch von vorn nach hinten durchgelesen und jeder irgendwie passende Satz eingefügt. Mit dem Anwachsen des Textes und der zunehmenden Vielfalt seiner Gegenstände wuchs auch die Anzahl möglicher Anschlussstellen für Sätze.

Dieses Schreibverfahren lässt Autorschaft im einfachen Sinn nicht zu. Der Satz, den der Autor möchte, ist nie zu finden; gezieltes Suchen ist nervenaufreibend und meist vergeblich. Der Autor kann also nicht schreiben, was er will; die Sätze suchen sich stattdessen ihren Ort, der Plot expandiert, wie Hefe, von innen heraus in unvorhersehbarer Weise. Auf einer höheren Ebene der Komposition stellen sich allerdings Intention und Autorschaft mittelbar wieder her.

Beispielsätze in Wörterbüchern sind per Definition konventionell, da es ihnen um maximale Wiedererkennbarkeit geht. Während das Schreibverfahren durch Resonanz thematisch Verwandtes zusammenbringt, unterwandert es jedoch auch die Konventionalität durch die Spannung zwischen unterschiedlichen Satzquellen, die durch die sprachliche und erzählerische Einbindung zwar verdeckt wird, sich aber untergründig doch bemerkbar macht. In Satz- und Absatzzwischenräumen keimen Ambiguitäten oder Abgründe der Auslassung; die Erzählung springt elliptisch, gleitet ab, taucht ins redundante Detail.

Und was ist mit der Geschichte, der Story von ‘Secret Ballet’? Die Geschichte weiss nicht, wie ihr geschieht. Sie folgt schwankend der Spur der wirren Kolportage und sagt sich Klischees auf, um vor einer um sich greifenden Paranoia des Ganzen in irgendeinen Sinn zu entkommen. Ihr Personal hebt sich und fällt, eifert und streitet, wird später entšuscht, alt oder irr, und einige sterben, bevor sie zu Ende geht.

Last update: 16 October 2008 | Impressum—Imprint